Der Weinmarkt in schwierigem Umfeld

Der Weinmarkt in Deutschland ist nicht unbeeindruckt von der weltweiten Wirtschaftskrise geblieben. Im Verhältnis zu anderen Branchen ist die Weinwirtschaft allerdings mit einem blauen Auge davon gekommen. Während in Bankenkreisen die Pleitewelle weite Kreise zog und die Automobilbranche nur mit massiven Staatshilfen gerettet werden konnte, überstanden Weingüter, Winzergenossenschaften und Kellereien das Krisenjahr 2009 vergleichsweise gut. Sicher wird man sich aber auf einen weiteren Wandel der Handelstrukturen einstellen müssen. Die Pleite von Quelle war wahrscheinlich noch nicht das Ende der Marktbereinigung bei den Handelsriesen, die sich mit einer altmodischen Geschäftspolitik und einem nicht zeitgemäßen Sortiment selbst in eine schwierige Position gebracht haben.

Die ifo-Konjunkturprognose 2010 sieht die schwere Rezession zwar als überwunden an, stellt der deutschen Wirtschaft insgesamt aber ein schlechtes Zeugnis aus. Weltweit haben sich die Wirtschaftserwartungen wieder etwas aufgehellt, was insbesondere den exportabhängigen deutschen Unternehmen, auch der Weinwirtschaft, etwas Aufwind verleihen dürfte. Gerade der Weinexport hat in den Zeiten der Krise besonders gelitten. Die Entwicklung der deutschen Wirtschaft ist aber weiter recht labil. Die so wichtigen Impulse für den privaten Konsum lösen nur eine verhaltene Dynamik aus. All dies dämpft natürlich auch die Erwartungen der Weinwirtschaft für das Jahr 2010.

Weinmarkt im 3. Quartal 2009 unter Druck

Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (gfk) ist der Weinmarkt in Deutschland von Januar bis September 2009 um 3 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurück gegangen. Nach Jahren des Wachstums hat es diesmal auch deutsche Weine erwischt. Gegenüber dem Vorjahr sind die Einkäufe von privaten Haushalten um 6,7 % gesunken. Der Marktanteil deutscher Weine ging von 49,1 % auf nunmehr 47,2 % zurück. An Marktposition zwei steht Frankreich, dicht gefolgt von Italien sowie Spanien. Alle genannten Länder haben in der Krise mengenmäßig leicht zugelegt. Der Verbraucher scheint verstärkt auf die billigeren Angebote aus den großen Drei (Frankreich, Italien, Spanien) zuzugreifen. Preislich höher positionierte Produkte tun sich schwerer, wenn der Verbraucher den Gürtel enger schnallen muss. Das zeigt auch der Rückgang von Weinen der Neuen Welt um 10,2 %, die preislich im Durchschnitt deutlich über den europäischen Produkten liegen.
Die wertmäßige Entwicklung darf mit einem Rückgang des Gesamtmarktes von 0,7 % als recht stabil bezeichnet werden. Deutsche Weine haben 1,9 %-Punkte gegenüber Jan-Sep 2008 verloren. Die Neue Welt hat auch wertmäßig deutlich Feder lassen müssen (-10,7 %).

Bei den Weinfarben gab es nur geringfügige Änderungen gegenüber dem Vorjahr. Die Verhältnisse sind weitgehend stabil. Weißwein liegt bei knapp 41 % Marktanteil, Rotwein und Rosé usw. kommen auf zusammen 59 %.



Auch bei den Einkaufsstätten von Wein können die Entwicklungen der Vorjahre weitestgehend fortgeschrieben werden. Die Discounter sind wichtigste Einkaufsstätte für Wein. 47,5 % aller Weine werden von privaten Haushalten bei ALDI und Co. gekauft. Die Direktvermarktung ist laut gfk kein Wachstumsmarkt. Verstärkt wird diese Entwicklung natürlich durch den anhaltenden Strukturwandel in der Landwirtschaft und dem Weinbau, sowie der zunehmenden Qualitätsorientierung der direkt vermarktenden Betriebe, die auf Klasse statt auf Masse setzen.

Innovation und Zukunftsmärkte

Gerade in Krisenzeiten ist innovatives Handeln gefordert und der Blick auf die Zukunftsmärkte zu richten:
  1. Coopetition - Kooperieren im Wettbewerb
    Viele Betriebsleiter haben erkannt, dass in der Kooperation mit anderen Weingütern positive Synergieeffekte erzielt werden können. Künftig wird es noch stärker darauf ankommen, Kräfte zu bündeln und Kernkompetenzen herauszuarbeiten. In einer Online-Befragung von Weingütern zeigt sich eine enorm hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Standen bisher Kostenaspekte und Arbeitsentlastung im Vordergrund von Kooperationen, so sehen die Betriebsleiter in der Zukunft einen große Notwendigkeit im Bereich der Vermarktung und des Marketings gemeinsame Konzepte zu finden.
  2. Neue Vertriebswege und -partner
    Die Direktvermarktung stößt an ihre Grenzen. Die Belastung der Familien ist enorm und der zeitliche und organisatorische Aufwand nimmt immer mehr zu. Das Kundenverhalten, die Haushaltsgröße der Weinkonsumenten und die soziodemographische Entwicklung der Bevölkerung verstärken das Problem in den nächsten Jahren noch mehr. Winzer müssen, um ihre Umsätze zu halten, immer mehr und neue Kunden erreichen. Der klassische Stammkunde wird immer seltener. Das heißt, neue Vertriebswege und -partner, wie z.B. der Fachhandel gewinnen an Bedeutung. Die anfängliche Vorsicht ist bei beiden Partner mittlerweile abgelegt. Fachhändler sind offen und setzen auf qualitativ hochwertige deutsche Weine, auch aus Rheinhessen. Für Winzer heißt das die Kalkulation der Preise den Vermarktungswegen anzupassen und ganzheitliche Konzepte für den Fachhandel zu bieten.
  3. Neue Medien nutzen
    Der Weineinkauf via Internet ist ein wichtiger Vertriebsweg der Zukunft. Soziale Netzwerke, wie z.B. facebook, Internettagebücher, sog. blogs und Nachrichtendienste wie Twitter schaffen vollkommen neue Möglichkeiten miteinander zu kommunizieren und Kunden anzusprechen. Wir stehen erst am Anfang einer rasanten Entwicklung, die auch in der Weinvermarktung neue Türen öffnet. Auf der Intervitis am 26.3.2010 in Stuttgart werden wir uns diesen Zukunftsthemen nähern im Workshop: "Twitter, Blogs und Web 2.0 - innovative Wege zu neuen Kunden oder doch alles nur Spielerei?"
  4. Regionalität, eine klares Profil und Qualität
    "Die Sehnsucht nach Regionalität, Nachhaltigkeit und ethisch sozialem Kapitalismus prägt den Konsum von morgen", sagt der Trend- und Zukunftsforscher Dr. Eike Wenzel vom Kelkheimer Zukunftsinstitut. Die Weinbranche hat u.a. mit dem neuen EU-Weinbezeichnungsrecht die Chance, Regionalität und Wein neu zu positionieren. Eine Verbindung zu schaffen zwischen Herkunft, Qualität und dem Geschmacksprofil der Weine. Ein Zukunftsthema par excellence.
  5. Die Kunden von morgen möchten sich und der Umwelt etwas Gutes tun
    Nachhaltigkeit, umweltverträglicher Konsum, Biowein sind Trendthemen der Zukunft. Trotz der Krise hat sich der Markt für Bioprodukte stabil entwickelt. Auch wenn die Bäume in der Weinwirtschaft nicht in den Himmel wachsen, so darf auch in den nächsten Jahren mit Wachstum gerechnet werden. Grund genug diesen interessanten Markt beim WeinMarketingtag Rheinland-Pfalz am 21.05.2010 in Oppenheim einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Dabei geht es schon lange nicht mehr nur um Bio oder Nicht-Bio. Nachhaltiges wirtschaften, die CO2-Problematik (Stichwort: klimaneutraler Wein) sind wichtige Themen. Jüngstes Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften ist die Auszeichnung des Weinguts Hemmes mit dem "Wine Tourism Award" der Great Wine Capitals. "Mit dem Konzept einer Weinschule in einem denkmalgeschützten Schulgebäude und die zukunftsweisende Energieversorgung des Gebäudes mit Erdwärme konnte die Familie Hemmes die internationalen Juroren in Bordeaux überzeugen."





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