Tischlein deck dich für Meise, Amsel und Co.

„Vögel dürfen auch in der Brutzeit gefüttert werden“, das steht für Prof. Dr. Peter Berthold, ehemaliger Direktor der Vogelwarte Radolfzell und einer der führenden Ornithologen hierzulande, nach über zehnjährigen wissenschaftlichen Untersuchungen fest. Wer unseren gefiederten Freunden in den nächsten Wochen und Monaten weiterhin gutes Futter anbietet, leistet einen wichtigen Beitrag zum Vogelschutz und kann sie obendrein noch aus nächster Nähe beobachten.

Immer noch hat der Winter unser Land fest in seinem Griff und der sehnsüchtig erwartete Frühling will sich einfach nicht einstellen. Und obwohl Meisen, Amseln und Co. den Morgen schon mit ihrem Gesang begrüßen, zeigen Vögel noch deutliche Winterverhaltensweisen: So ziehen Buchfinken und Erlenzeisige immer noch in großen Schwärmen umher, obwohl sie eigentlich im März schon längst paarweise ihre Brutreviere hätten einnehmen müssen. Wenn nach kalten Frostnächte Amseln und Rotkehlchen morgens aufgeplustert im Hausgarten sitzen, dann haben nur noch wenige Vogelfreunde Zweifel, ob Vögel füttern sinnvoll ist. Doch was tun, wenn endlich der Frühling mit Sonnenschein und Sweatshirt-Temperaturen Einzug gehalten hat? Dann werden in den meisten Gärten die Vogelhäuschen eingepackt und das Füttern beendet. Zu einsichtig erscheint das Argument, dass Vögel nur in harten Winterzeiten unsere Hilfe brauchen. „Weit gefehlt“, meint Peter Berthold, „denn gerade in der nun anstehenden Brutzeit brauchen unsere wildlebenden Singvögel noch mehr Hilfe.“ Warum?

Draußen gibt es immer weniger natürliches Futter
Die Nahrungssituation der Vögel in freier Natur hat sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Bis in die 1950er Jahre wuchsen in unseren Feldfluren so viele Wildkräuter („Unkräuter“), dass sie allein in Deutschland weit mehr als eine Million Tonnen von Sämereien produzierten. Das bedeutete Futter in Massen für Heerscharen von Wildvögeln. „In unseren heutigen Monokulturen mit ständigem Herbizideinsatz ist davon so gut wie nichts übrig geblieben“, stellt Berthold nüchtern fest. „Wer’s nicht glauben mag, versuche einmal, bei einem Spaziergang durch die Felder Wildpflanzen-Sämereien zu sammeln, die den Kanarienvogel daheim wenigstens einen Tag lang ernähren könnten. Das wird in der Regel fehlschlagen.“ In den Gärten haben auch immer mehr hochgezüchtete Sträucher und Blumen Einzug gehalten, die zwar üppig bunt sind und herrlich gefüllte Blüten aufweisen, „von Nektar, Pollen oder Samen für die heimischen Tiere aber keine Spur“, bemerkt Peter Berthold sorgenvoll.
Auch die Insektenpopulationen sind in den letzten 50 Jahren merklich zurückgegangen. Berthold überzeugt mit einer ebenso einfachen wie verblüffenden Frage: „Wie oft haben Sie früher die Scheiben Ihres Autos im Sommer von Insektenresten befreit und wie selten machen Sie das heute noch?“
Dieser gravierende Nahrungsmangel hat in Verbindung mit Lebensraumverlusten unsere Vogelwelt inzwischen um mehr als ein Drittel schrumpfen lassen. Doch wenn wir die weiter rückläufigen Vogelbestände auf Dauer erhalten wollen, dann ist Zufüttern in Notzeiten eine wichtige Voraussetzung dafür.

Was sind solche Notzeiten?
Auch darauf weiß Peter Berthold eine Antwort: „Im Winter ist es zwar kalt, aber dann schieben unsere Vögel auch wortwörtlich eine ruhige Kugel. Sie ruhen fast den ganzen Tag mit aufgeplustertem Gefieder und reduzieren so ihren Energieverbrauch auf ein Minimum.“ Anders in der Brutzeit: Nun stehen die Vögel immer früher auf, weil ein langer Arbeitstag auf sie wartet. Das Revier muss eingenommen und mit Gesang gegen mögliche Konkurrenten verteidigt und Weibchen angelockt werden. Dann folgt der Nestbau, das Legen und Bebrüten der Eier und die Mammutarbeit der Jungenaufzucht. Die Ruhezeit der Vögel schrumpft dann bei uns auf rund sechs Stunden! Und während der 18-stündigen Arbeitszeit, sieben Tage die Woche, steigen die energieaufwändigen Flüge auf ein Höchstmaß: So müssen etwa Kohlmeiseneltern etwa drei Wochen lang täglich rund 350 Mal Nistkasten oder Bruthöhle mit Futter anfliegen, um die Küken satt zu bekommen – und das Futter, vor allem kleine Räupchen, muss auch noch gefunden und gesammelt werden. „Vögel verbrauchen in der Brutzeit mindestens doppelt so viel Energie wie im Winterhalbjahr“, erläutert Berthold. „Darum leiden sie in dieser Zeit besonders stark unter dem mangelhaften Nahrungsangebot unserer ausgeräumten Kulturlandschaft. Zufüttern im Sommerhalbjahr bewirkt wahre Wunder im Hinblick auf erfolgreiche Jungenaufzucht, gute Kondition und günstige Überlebenschancen.“
Das können Sie füttern
Auch wenn an einer Futterstelle – etwa auf dem Balkon im Stadtbereich – nur relativ wenige Vogelarten erscheinen wie Meisen, Grünlinge, Haussperlinge, dazuhin vielleicht Amseln, Kleiber, Rotkehlchen und gelegentlich ein Buntspecht oder eine Türkentaube, so bevorzugen sie dennoch sehr unterschiedliches Futter. Berthold: „Dies gilt in einem Garten umso mehr, denn dort können Sie während der Brutzeit sogar mit 60 bis 80 verschiedenen Vogelarten rechnen.“
Am besten füttern Sie dreierlei:
+ Erstens ein Körner-Mischfutter mit größeren Sämereien, vor allem Sonnenblumenkernen, sowie feineren Samen wie Hanf, Mohn und Hirse, etwa aus einer Waldvogel- oder Kanarienmischung vom örtlichen Gartencenter.
+ Zweitens ein Fettfutter, das vor allem aus mit Fett angereicherten Getreideflocken (Haferflocken) besteht.
+ Und drittens Meisenknödel – also Fettkugeln, zumeist aus Rindertalg. Letztere sind besonders wichtig: Sie liefern bei weitem die meiste Energie. Da Vögel beim Fliegen Fett direkt im Brustmuskel „verbrennen“, erhalten sie so auf effektive Weise den „Treibstoff“, den sie zum Fliegen benötigen.
+ Neben diesem Dreikomponenten-Standardfutter können Sie viele „Extras“ anbieten, wie z. B. Apfelstücke, Rosinen, aber auch „Energiekuchen“, Mehlwürmer und vieles mehr.
Wer sich richtig schlau machen möchte über die Vogelfütterung in all ihren Facetten wie die Ernährungsbiologie oder den Zustand unserer Vogelwelt, dem sei das im Kasten aufgeführte spezielle Buch empfohlen. Dort erfahren Sie auch, warum mancherlei keinesfalls an Wildvögel verfüttert werden sollte: etwa Reste von unseren Mahlzeiten (wegen enthaltener Gewürze) oder Brot (wegen häufiger Schimmelbildung).
Wie lange sollten Sie füttern?
Peter Berthold empfiehlt, die Winterfütterung gar nicht zu beenden, sondern sie in eine Ganzjahresfütterung überzuleiten. „Wenn die Vögel Ihr Restaurant kennen, finden Sie sich dort zum Frühstück ein und können dann gut gestärkt auf Nahrungssuche für die Jungen gehen.“

Ein Vogelfutterbeet in Ihrem Garten
Heimische Gehölze, Wildblumen und Gräser bieten den Vögeln das ganze Jahr über Futter. Mit jeder heimischen Pflanzenart, die Sie in Ihrem Garten pflanzen, geben Sie zehn neuen Tierarten eine Heimat! Darum legen Sie doch eine Vogelfutterrabatte an. Dort wachsen Sauerampfer, Wiesen-Witwenblumen, Skabiosen-Flockenblumen, Herbst-Löwenzahn, Kartäusernelken, Natternkopf, Johanniskraut, Königskerzen und Wilde Karden. Heimische Wildsträucher wie Schwarzer Holunder, Weißdorn, Roter Hartriegel, Pfaffenhütchen und Rote Heckenkirsche gedeihen im Hintergrund, Sonnenblumen (Kerne einfach in den Boden stecken) umrahmen das fröhliche Vogelfutterbeet.

Autorin: Dipl.-Biologin Bärbel Oftring


Prof. Dr. rer. nat. Peter Berthold war bis 2004 Direktor der Vogelwarte Radolfzell, dem Max-Planck-Institut für Ornithologie. Zu den zehn weltweit führenden Ornithologen gehörend, wurde er vielfach für seine originellen und bahnbrechenden Arbeiten ausgezeichnet. Seit seiner Emeritierung engagiert er sich vor allem im Naturschutz, etwa als Stiftungsrat in der Heinz Sielmann Stiftung und im Biotopverbund Bodensee. Zudem setzt er sich für eine Ganzjahresfütterung für Vögel ein. In seinem Buch finden Sie wertvolle Tipps für Winter- und Ganzjahresfütterung:
Peter Berthold, Gabriele Mohr „Vögel füttern, aber richtig – das ganze Jahr füttern, schützen und sicher bestimmen“, Kosmos Verlag Stuttgart, 3. aktualisierte und erweiterte Auflage 2012, EUR 9,99


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